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Literarischer Verein der Pfalz e.V.

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                                          Siegertext des internen Monatswettbewerbs Oktober

Barbara Franke, Zweibücken


Lichtschacht

 

Der dritte Tag jetzt schon. Tage ohne Licht ohne Hoffnung. Der Aufgang nach oben verschüttet. Sie können nicht zurück in ihre Wohnung. Der Lichtschacht vor dem Kellerfenster halb gefüllt mit Steinen und Geröll. Durch die Scheiben nur spärlich etwas Helligkeit, gerade genug um Tag und Nacht zu unterscheiden. Auf dem Boden Wasser. Die Leitung muss getroffen worden sein. Sie haben Holzkisten übereinandergestapelt, auf denen sie sitzen: die achtjährige Maria, eng an ihre Mutter gekuschelt, mit vor Schreck geweiteten Augen. Mama Olga kann das Zittern ihrer Arme, mit denen sie das Kind schützend umfängt, nicht unterdrücken.
Zu heftig war der Bombeneinschlag, der das ganze Haus über ihnen zusammenfallen ließ.
Nur eine Flasche Mineralwasser und ein paar Äpfel wollten sie nach oben holen. Jetzt sitzen sie in der Falle, einem unerbittlichen Schicksal ausgeliefert. Mit den Äpfeln bekämpfen sie den Hunger. Doch die werden nicht mehr lange reichen. Vier Flaschen Wasser haben sie noch. Was dann? Olga will gar nicht weiterdenken. Sie bemüht sich, Maria bei Laune zu halten.
Ein Weilchen gelingt es. Maria sagt ein Wort, Olga sucht ein Reimwort dazu: Bein – klein, Bahn – Hahn. Doch irgendwann funktioniert es nicht mehr – auch nicht das gegenseitige Hände-Klatsch-Spiel oder das Finden von Wörtern mit a, o, u, e, i.
Die Kälte kriecht an ihnen hoch. Keine Decke, nichts um sich zu wärmen. Nirgends die Möglichkeit sich einmal auszustrecken.

Doch sie wollen nicht aufgeben.

Lass uns beten, sagt Olga, vielleicht hat der liebe Gott Erbarmen mit uns.
Oder singen, meint Maria, dann ist es nicht so totenstill. Olga nickt und Maria beginnt mit zittriger Stimme zu singen „Meerstern, ich dich grüße, o Maria hilf … Maria hilf uns allen aus unsrer tiefen Not“. Es ist ihr Lieblingslied.
Da – ein Geräusch. Maria verstummt abrupt. Oben auf dem Lichtschachtgitter
Männerbeine Uniformhosen russische Uniformen. Erstarrt vor Schrecken erkennen sie einen zweiten Mann, er bleibt auf dem Gitter stehen.
Da drin ist noch Jemand, hören sie den Ersten sagen.

Los, eine Granate macht dem Spuk ein Ende, flüstert der Andere.
Nicht nötig, das Problem löst sich von selbst. Die Granate brauchts nicht. Das ist Verschwendung, wieder der Erste.
Im Keller verstehen sie jedes Wort, in der Ukraine zuhause, doch russisch sprechend, wie viele hier. Ganz verzweifelt drückt Olga ihre Maria an sich. Beide Schreckensszenarien wechseln sich in ihrem Kopf ab: die Granate … ein schnelles Ende, oder langsam zugrunde gehen im dunklen Keller. Wie soll sie dem Kind Hoffnung vorheucheln.
Schlaflos die bitteren Stunden in der folgenden Nacht – bis plötzlich im Morgengrauen ein Geräusch Olga aufschreckt. Da rüttelt Jemand an dem Gitter über dem Lichtschacht, schafft mühsam Geröll beiseite, versucht das Gitter anzuheben. Es ist einer der beiden Russen. Sie hält den Atem an.
He, lebt ihr noch da unten, hört Olga ihn flüstern. Habt ihr eine Zange? Das Gitter ist verdrahtet mit dem Untergrund. Ich will versuchen, es hochzuheben, wenn ihr die Drähte kappen könnt.
Olga traut ihren Ohren nicht. Sollte es wirklich einen Ausweg geben aus der so hoffnungslosen Situation? Was hat der Russe vor? Am Ende liefert sie sich und Maria den Feinden aus. Man weiß ja, was die mit Frauen machen. Auch kleine Mädchen verschonen sie nicht. Aber im Keller würden sie auch elendiglich sterben. Sie muss es wagen.
Der Handwerkskasten! Sie findet eine Drahtschere, kann das Fenster öffnen, wird dabei von einer Ladung Geröll und Schutt erfasst, kann sich jedoch halten, steigt auf eine Kiste und versucht die Drähte, die die Gitter mit dem Betonboden verbunden haben, zu kappen.
Was mach ich da, schießt es ihr nochmal durch den Kopf, während sie den Mann mit dem Gewehr ihn der Hand fixiert.
Maria klammert sich an Olgas Rock und schluchzt.
Mit Bärenkräften zerrt der Russe an dem Gitter – es gibt nach. Er kann es wegziehen. Vier Augen starren ihn ungläubig an.
Los, schnell raus, ruft er, reicht den Beiden die Hand und weist hektisch auf die andere Straßenseite. Ab mit euch, da rüber, das Haus ist noch bewohnt. Ich muss auf euch schießen, wenn ihr flieht. Aber ich treffe nicht. Keine Angst.

Ratlosigkeit macht sich breit. Es war das Lied, hören sie ihn noch sagen. Wie in Trance setzen sie sich in Bewegung. Ihre Beine wollen ihnen noch nicht so recht gehorchen nach dem langen Ausharren im kalten Keller.
Schon ballert der Russe los, doch seine Schüsse gehen ins Leere, wie versprochen.
Im Kugelhagel erreichen sie das Nachbarhaus. Eine Tür öffnet sich, doch ehe sie dahinter verschwinden, winken sie mit Tränen in den Augen dem Feind zu, der keiner war, wie sie mit Dankbarkeit wahrnehmen. Olga wünscht von ganzem Herzen, dass dieser heldenhafte Retter seine Aktion nicht mit dem Leben bezahlen muss.
Im Nachbarhaus keimt in ihr ganz behutsam Hoffnung auf, dass auch der schlimmste Krieg nicht alle Menschlichkeit verschluckt, dass es immer wieder auch Feinde geben mag, die Menschen geblieben sind.

Peter Herzer, Kaiserslautern

Siegergedicht des Monatswettbewerbs September 2022

Seine Heimat still

 

bodennebelweiß grauhungrig

er greift nach den faulen Äpfeln

festgefroren im bleichen Gras

Pferde wiehern, reiben sich warm

 

läuft über Wiese zum alten

Bauernhaus, seine Heimat still

Kerzenlicht am Fenster Hoffnung

wischt beschlagene Scheibe frei

 

Gesicht der Bäuerin milchig

er klopft, summt ein Liebeslied

die Tür öffnet sich, Essensduft

zeigt seine Posaune, sie winkt

 

Finger schmerzen, Kehle heiser

doch er spielt um Bett und Magen

Kinder und Gäste hocherfreut

der erste Wandermusikant

 

 

Ursula Doerler, Stelzenberg

Siegertext des Monatswettbewerbs August 2022

 

Tod oder lebendig

Warum starrst du mich so an, fragte der Goldfisch hinter Glas die Katze. Sein Mund schnappte dabei auf und zu.

Ich beobachte dich, erwiderte die Katze distanziert - oder räumlich-physisch ausgedrückt - aus einem halben Meter Entfernung, kerzengerade vor dem Aquarium sitzend.

Ein einigermaßen sicherer Abstand für den Fisch, für einen jähen Katzensprung dennoch nah genug. Vermutlich deshalb sperrte der Fisch seine schwarzen Glupschaugen auf, soweit es eben ging.

Was willst du denn schon sehen, fragte das Fischlein zurück, tapfer mit schnellen Flossenschlägen an Ort und Stelle verharrend, damit ihm ja nichts entging.

Ich denke darüber nach, in welchem Zustand du dich befindest – aller Wahrscheinlichkeit nach. Solange ich hier verweile.

He, stutzte der Fisch, drückte sich näher an die Scheibe, um größer zu erschienen als er in Wirklichkeit war.

Der Arme drinnen in seinem Glas, wie beschränkt, hat leider nichts verstanden, stellte die Katze fest.

Ich weiß nicht, inwieweit du kleiner Fisch überhaupt in der Lage bist, meinen gedanklichen Höhenflügen zu folgen. Ich plane ein Gedankenexperiment zu den schwierigsten Fragen der Existenz. Willst du dich beteiligen?

Die pfeilgerade Stellung des Goldfischs und das Abklingen seiner nervösen Flossentätigkeit signalisierten der Katze höchste fischige Aufmerksamkeit aus dem durchsichtigen Behälter.

Also los, forderte der Fisch. Die Frage bitte.

Mutig gesprochen, lobte die Katze. Was mich tierisch interessiert: was bist du wirklich, bist du tot? Bist du lebendig? Oder bist du wahrscheinlich gleichzeitig tot und lebendig?

Na hör mal, empörte sich der kleine Kerl. Ich bin quicklebendig: Ich bin munter wie ein Fisch im Wasser. Schwupps begann er fröhlich hin und her zu schwimmen, während er fortwährend ‚Leben ist Bewegung, ein ständiges Hin und Her` in aufsteigende Luft-blasen blubberte.

Nein, nein. So einfach geht das nicht, widersprach die Katze. Das ist ein hochphysikalisches Experiment, kein Badewannenblues. Da bräuchte man schon einen unwiderlegbaren, totsicheren Beweis. Du musst mehr Energie für den Test aufbringen, viel mehr.

Nichts leichter als das, rief der Fisch, und trieb sich mit kräftigen Schlägen seiner Schwanzflosse an. In hohem Bogen schoss er aus dem Wasser in die Luft hinaus und platschte unsanft herunter; direkt vor eine neugierige Schnauze.


Genüsslich schnalzte die Katze kurze Zeit später mit der Zunge. Welch appetitlicher Happen. Schade um das lustige Kerlchen, bedauerte sie sogleich, und fing bereits an, den Fisch zu vermissen. Schade, dass man nicht gleichzeitig betrachten kann was man schon gefuttert hat. Oder doch? Bestimmt lohnenswert, weiter zu experimentieren.

Ich bin dabei!

Es hörte sich an wie ein Stimmchen aus dem Off.

 

 

 

Siegergedicht anlässlich des Textwettbewerbs zum 140jährigen Jubiläum im September 2018 von Erich Mohr aus Ludwigshafen:

 

 

Wo ist Heimat?

 

Sollt ich, ach das traute Wort

mit Bild und Seele füllen,

muss es nicht am fernen Ort

dem Sehnen erst entquillen?

 

Schwer ist‘s wohl ins Wort zu fassen,

was allein das G‘fühl bewegt.

Sind‘s die altvertrauten Gassen,

die Turmuhr, die so heimelnd schlägt?

 

Ist‘s der Wiesen stiller Grund,

der so frühlingsfroh erblüht,

ist‘s des Parks beschaulich Rund,

das im Herbst so flammend glüht?

 

Ist‘s der weg, der lieblich enge,

wo junge Liebe einst beglückt,

sind‘s des Kirchleins Glockenklänge,

der Birkenhain, der mohngeschmückt?

 

Ist‘s der Anger nah dem Städtchen,

der uns Kindern Mitte war,

wo zum Reigen hold die Mädchen

Kränzchen trugen schmuck im Haar?

 

Ist‘s Elternhaus, wo froh und schlicht

die Liebe treu gewaltet,

das Ja zu Anstand, Recht und Pflicht,

auch zu‘n Musen ward entfaltet?

 

Sind‘s die meist so frohen Runden

im eng verwobnen Freundeskreis,

wo man auch in bittren Stunden

wich teilnahmsvoll gehalten weiß?

 

Ist‘s da, wo übern Gartenzaun

der Nachbar erste Veilchen reicht,

der kurze Plausch je voll Vertraun,

wie Morgenwind die Seele streicht?

 

Ist‘s wohl der Teich, auf dem gar sacht

strahl‘nden Himmels Blau zerfließt,

der volle Mond zur G‘stirnten Nacht

den seid‘gen Spiegel zärtlich küsst?

 

Ist‘s gleicher Sprache trautes Klingen,

sind‘s die Menschen, die man liebt,

Lieder auf der Muse Schwingen,

was das G‘fühl der Heimat gibt?

 

Wollten wir auch eifrig binden

die Bilder all zum Deutungsstrauß,

er wird das Wort nnicht voll ergründen,

schöpft nicht seine Tiefe aus.

 

Heimat ist, wo Halt und Güte,

Geborgenheit, Daheimsein ist,

wo des Menschseins edle Blüte,

die Heimatliebe, sich erschließt.

 

Wer Heimat hat verlassen müssen,

weiß um dieses hohe Gut.

Wir sollten um den Segen wissen,

der in ihm, dem Kleinod, ruht.

 

Doch – nimmer muss der Schatz zerrinnen,

wenn vom lieben Ort wir scheiden.

Heimat lässt sich neu gewinnen,

wo zum Willkomm sich Arme breiten.

 

Hier kann aus gleichem Wurzelgrund

das schöne G‘fühl erneut erblühn.

An jedem Ort tut‘s gern sich kund,

wo Menschen sich um Menschen mühn.

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